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Selbstliebe mit Lipödem – mehr als eine körperliche Diagnose

  • Beitrag zuletzt geändert am:3. Mai 2026
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  • Lesedauer:17 min Lesezeit

Irgendwann Anfang 2018 habe ich eine Liste aufgeschrieben. Ich war gerade dabei, eine NLP-Ausbildung zu beginnen, und wir sollten unsere Ziele formulieren. Ich schrieb Dinge auf wie: „Mir selbst etwas wert sein“, „Mich lieben können“, „Nähe zulassen können“, „Jemanden lieben können“. Acht Punkte. Kein einziger davon klang nach einem Ziel – sie klangen nach Dingen, die ich mir selbst aberkannt hatte.

Nach so vielen Erlebnissen in meinem Leben hatte ich irgendwann beschlossen, mein Herz zu verschließen. Das schien sicher – keine Erwartungen, keine Enttäuschungen. Dass ich damit auch mich selbst ausgesperrt hatte, habe ich erst viele Jahre später verstanden.

Das ist für mich der Ausgangspunkt, wenn ich heute über Selbstliebe mit Lipödem spreche. Nicht als Konzept. Sondern als etwas, das ich gelernt habe – langsam, mit Rückfällen, und bis heute nicht vollständig abgeschlossen.

Selbstliebe – Die Annahme von sich selbst

Selbstliebe wird oft verwechselt mit Egoismus, Überheblichkeit oder Narzissmus. Das ist sie nicht. Narzissmus ist ein überhöhtes Selbstbild, bei dem Schwächen negiert werden – ein Mensch, der permanent auf Bestätigung von außen angewiesen ist. Selbstliebe ist das Gegenteil: die Annahme von sich selbst mit allen Fehlern, Stärken und Schwächen.

Für mich ist Selbstliebe auch noch etwas anderes als Selbstvertrauen oder Selbstachtung. Sie ist tiefer. Sie meint, dass du dich grundsätzlich für liebenswert hältst – unabhängig davon, was du leistest, wie du aussiehst oder was andere über dich denken.

Sei dir selbst deine beste Freundin

Eine der häufigsten Fragen an mich lautet: Wie hast du dich so verändert? Was ist das Geheimnis? Ich denke oft darüber nach. Die ehrlichste Antwort: Irgendwann habe ich aufgehört, mit mir selbst härter zu sein als mit allen anderen Menschen in meinem Leben.

Wir begegnen anderen mit Freundlichkeit, verzeihen ihnen Fehler, finden ihre Schwächen manchmal sogar liebenswert. Und uns selbst gegenüber? Wir sind Meister im Kritisieren, Kleinmachen, Abwerten. Gehörst du auch zu denen, die mit sich selbst härter sind als mit jedem anderen Menschen in ihrem Leben?

Auch wir Lipödem-Frauen dürfen aufhören, uns selbst schlecht zu machen. Ja, wir haben Körperfett. Wir sind nicht unser Körperfett. All das gehört zu uns – und wir dürfen lernen, uns schön zu fühlen, wenn wir in den Spiegel schauen.

Wie entsteht mangelnde Selbstliebe?

Oft beginnt das in der Kindheit – meistens absolut ungewollt durch Eltern, Familie, Schule, das gesamte Umfeld. Wir lernen früh, dass wir erst etwas tun oder besonders aussehen müssen, um liebenswert zu sein. Gute Noten. Aufgeräumtes Zimmer. Kein „das gehört sich nicht“. Jede dieser Bewertungen von außen hinterlässt einen kleinen Stempel, den wir oft für objektive Wahrheit halten – obwohl es immer jemandes subjektive Meinung war.

Im Laufe unseres Lebens verfestigen sich diese Überzeugungen. So kommt es, dass viele Erwachsene von sich denken, sie wären nicht gut genug, nicht liebenswert. Ich nehme mich als Mutter da nicht aus – ich habe ganz sicher auch zu solchen Überzeugungen bei meinen Kindern beigetragen, weil ich es selbst nicht besser wusste. Deshalb bin ich es heute auch meinen Kindern schuldig, daran weiterzuarbeiten.

Es ist nicht deine Aufgabe, mich zu lieben. Es ist meine.

Irgendwann war für mich der Punkt gekommen, an dem ich mir sagte: diese Selbstsabotage muss aufhören. Ich kann nicht mehr genau sagen, was der genaue Auslöser war. Aber es war klar: so kann es nicht weitergehen.

Wie können wir für andere da sein, wenn es uns selbst nicht gut geht?
Wie können wir andere lieben, wenn wir selbst keine Liebe in uns spüren – für uns selbst?
Wie können wir anderen Energie geben, wenn wir selbst keine haben?

Sich selbst an erste Stelle zu stellen ist kein Egoismus

Niemand kann dauerhaft für andere da sein, ohne dabei selbst kaputt zu gehen. Sich selbst an erste Stelle zu stellen ist kein Egoismus. Auch nicht dann, wenn alle um dich herum etwas anderes erwarten.

Besonders Mütter kennen das: immer erst die Kinder, den Partner, die Familie, den Haushalt, den Job. Und dann, ganz am Ende, wenn überhaupt noch Zeit bleibt: sich selbst. Ich kenne das aus meiner eigenen Vergangenheit.

Respektiere dich selbst. Nimm dir Zeit für dich. Davon profitieren auch alle um dich herum.

Wenn du anderen helfen willst, tu es, weil du es willst – nicht weil andere es von dir erwarten.

Selbstliebe kann wieder erlernt werden

Falls du nie gelernt hast, was Selbstliebe ist, wie sie sich anfühlt oder wie man sie übt: du kannst es jederzeit (wieder) lernen. Es erfordert Übung. Selbstliebe bleibt ein Prozess – für mich ist er nicht abgeschlossen, und wird es vermutlich niemals sein.

Das Wichtigste, worauf es ankommt: die Art und Weise, mit der du mit dir selbst und über dich selbst sprichst.

Achte auf deine Gedanken

Es gibt nichts, das störender sein kann, als die eigenen Gedanken. Werde dir bewusst, wie und was du über dich selbst denkst.

Wir haben zwischen 60.000 und 70.000 Gedanken am Tag – Studien zufolge sind nur etwa 3 % davon positiv. Da brauchen wir uns nicht wundern, dass wir uns oft nicht gut fühlen. Wir haben gelernt, uns auf Fehler zu fokussieren.

Etwa 25 % unserer Gedanken schaden uns oder anderen. Wir sehen jemanden und denken „die sieht gut aus“ – gefolgt von „ich bin hässlich“. Wir bewundern jemanden und denken „das kann ich niemals“. Das Unterbewusstsein unterscheidet dabei nicht, ob wir über uns selbst oder über andere urteilen. Indem ich über andere urteile, urteile ich gleichzeitig über mich – ob ich das will oder nicht.

Wie denkst du über dich? Achte auf deine Gedanken, jeden Tag. Vielleicht magst du ein Gedanken-Tagebuch führen und aufschreiben, wann dir gute oder wenig gute Gedanken über dich selbst auffallen.

Du kannst dir nicht immer aussuchen, was in deinem Leben passiert. Aber du kannst immer entscheiden, wie du damit umgehst.

Bewusstsein zu schaffen ist der erste Schritt zur Veränderung. Nur weil du etwas denkst, muss es nicht automatisch wahr sein.

Achte auf deine Gefühle

Wie wir uns fühlen, hängt stark mit unseren Gedanken zusammen – es ist ein Kreislauf: Fühlen wir uns schlecht, werden die Gedanken schlechter. Wir fühlen uns noch schlechter.

Achte auf deine Gefühle und ihre Auslöser. Wenn etwas in deinem Leben dauerhaft für schlechte Gefühle sorgt, trenne dich davon. Auch wenn jemand sagt „das macht man doch nicht!“ – Du darfst es dir wert sein, dich an erste Stelle zu stellen und für dein Wohlbefinden zu sorgen. Das ist Selbstliebe.

Vergib und verzeih dir. Wir erinnern uns an Fehler besser als an Dinge, die wir richtig gemacht haben. Suche in dir selbst nicht ständig nach Beweisen für deine eigene Unzulänglichkeit.

Niemand von uns ist perfekt

Niemand erwartet Perfektion – außer manchmal wir selbst. Gerade unsere Ecken und Kanten machen uns als Menschen liebenswert und besonders.

Hör auf, mit dir selbst in den Widerstand zu gehen. Dadurch entstehen nur neue negative Gedanken.

Du bist gut, so wie du bist

Es gibt eine Übung, die helfen kann, mit den eigenen Ecken und Kanten Frieden zu schließen. Vielleicht magst du sie mal ausprobieren.

Stell dich vor einen Spiegel. Vielleicht löst bereits das schon einen enormen Widerstand in dir aus – weil du dich nie gerne im Spiegel anschaust. Ich kenne das, glaub es mir. Dann ist diese Übung hier umso wichtiger für dich.

Stell dich vor den Spiegel und benenne etwas, das du an dir nicht magst. Den meisten fällt zuerst etwas ein, das sie im Spiegel sehen können. Vielleicht das Doppelkinn, oder die Nase, oder die gesamte Körperstatur. Es kann aber auch sehr gut eine Eigenschaft von uns sein. Vielleicht bist du ungeduldig, schnell aufbrausend, vergesslich.

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Ja, da sind noch Hautfalten, Speckröllchen und alles mögliche. All das gehört zu mir und es ist okay. Mein Körper ist ein kleines Wunderwerk 🥰

Ich nehme mal mich als Beispiel. Lange Zeit habe ich mit meinem Spiegelbild gehadert. Mit diesen Beinen, mit dem Lipödem, einfach mit meinem gesamten Körper. Ich war immer der Meinung, solange ich diesen Körper habe, kann mich eh niemand lieben.

Ich stelle mich also vor den Spiegel, schaue mich selbst an und sage laut: „Ich habe Lipödem, und insgesamt einen nicht perfekten Körper. Und weißt du was? Das ist total okay!“ Dann nehme ich einen tiefen Atemzug und lasse das Gesagte auf mich wirken. Gerade am Anfang fiel mir das sehr, sehr schwer – das überhaupt zu denken, geschweige denn zu sagen. Auch das ist okay. Versuche es immer und immer wieder. Es wird mit der Zeit einfacher, und der innere Widerstand wird weniger.

Irgendwann merkst du, dass der Satz „Du bist okay“ keinen Widerstand mehr auslöst. Und irgendwann kommt dann auch der Punkt, wo du dich im Spiegel ansehen kannst und es plötzlich einfach wird zu sagen: „Ja, ich liebe dich, so wie du bist.“ Und du fühlst, dass das stimmt.

Das ist ein Prozess, und nichts, was man mal 3–4 Mal übt und dann geht das. Hab Geduld – für mich hat das einige Jahre gedauert. Es gibt gute Tage und schlechte Tage. Wichtig ist, es immer und immer wieder zu versuchen.

Ein Kompliment am Tag

Neben der Spiegel-Übung gibt es noch etwas, das du tun kannst: Mach dir mindestens einmal am Tag selbst ein Kompliment – und schreib es auf, zum Beispiel in ein kleines Notizbuch.

Es geht dabei nicht ums Aussehen. Du darfst dir Komplimente machen für alles, was du gut machst. „Gut“ reicht – du musst dich nicht auf perfekte Momente beschränken. Denn damit bewertest du dich schon wieder und suchst zuerst nach Fehlern.

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Selbstliebe heißt auch, ein Bild von sich zu sehen und sagen zu können: „Ja, ich gefalle mir!“ – trotz Pickel im Gesicht

Jede Kleinigkeit zählt. Vielleicht konntest du jemanden zum Lachen bringen, hast jemandem eine Freude gemacht, oder du hast besonders geduldig deiner Tochter bei einem Problem zugehört. Wichtig ist, dass dir bewusst wird, wie viele gute und wichtige Momente es in deinem Leben gibt.

Deine Selbstliebe hängt nicht von anderen ab

Deine Selbstliebe ist nicht abhängig vom Urteil anderer. Die Meinung eines anderen über dich ist immer seine subjektive Meinung – keine objektive Wahrheit. Jeder Mensch betrachtet die Welt durch seine eigenen Erfahrungen, Glaubenssätze, Prägungen.

Für mich gibt es viele Dinge aus der Vergangenheit, die andere anders erlebt haben und über die sie andere Meinungen haben. Das sagt nichts über meinen Wert aus.

Wenn jemand sagt „du bist doof“ oder „du erzählst Mist“ – das ist die subjektive Meinung dieses Menschen. Das, was du über dich selbst denkst, darf davon unabhängig sein.

Die Einstellung zuerst – dann die Gewohnheiten

Manchmal muss man nur die Einstellung zu dem ändern, was man ohnehin schon tut.

Wenn ich früher Sport gemacht habe, dann um gegen mein Gewicht zu kämpfen und abzunehmen. Wenn ich heute Sport mache, dann weil ich meinen Körper liebe und ich ihn damit unterstützen möchte.

Wenn ich dusche, dann früher nur, um sauber zu werden. Jetzt nehme ich mir dafür mehr Zeit und pflege meinen Körper.

Wenn ich mich ketogen ernähre, war es früher nur um abzunehmen. Heute ernähre ich mich ketogen, weil ich mich und meinen Körper liebe und ich ihm nicht schaden möchte.

Dieselbe Handlung. Eine andere Haltung dahinter. Das spürt man.

Ego oder Selbst?

Ich habe mir im Laufe der Zeit noch etwas anderes angewöhnt. Oftmals wird mir als Bloggerin ja gesagt, dass ich das alles nur tue, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Für Außenstehende mag das oft so aussehen. Und um zu prüfen, ob das in diesem Moment auch für mich so ist, frage ich mich selbst bei allem, was ich poste: Wer will das gerade – mein Ego, oder mein Selbst?

Der größte Wert, den wir durch tägliches Gedankentraining für unser Leben beisteuern können, besteht darin, mehr wir selbst zu werden.

Gerald Hüther

Wenn ich etwas für mein Ego tue, dann suche ich nach Bestätigung von außen, suche nach Aufmerksamkeit, und versuche mich vielleicht als etwas darzustellen, was ich gar nicht bin. Sobald ich das Gefühl habe, dass das so ist, poste ich nichts auf Instagram oder hier im Blog. Das eigene Ego ist eine Illusion – ein Selbstbild aus Eindrücken der externen Welt und unserer Vergangenheit, das wir zu unserem Selbstbild zusammengebastelt haben.

Wenn ich etwas für mein Selbst tue, dann ist es, weil ich meinem inneren Gefühl folge. Das Selbst des Menschen ist das, was er tatsächlich ist – nicht das, was er zu sein meint oder sein will.

Unser Ego ist durchaus ein wichtiger Bestandteil von uns als Gesamtperson. Doch sobald es die Oberhand gewinnt, sind wir nicht mehr ganz wir selbst.

Wo stehst du gerade?

Ich stehe noch immer manchmal vor dem Spiegel und ertappe mich dabei, wie ich anfange, an mir herumzukritisieren. Der Unterschied zu früher: Ich merke es jetzt schnell. Und ich kann dagegensteuern.

Viele dieser Muster laufen im Unterbewusstsein ab – deshalb sind sie so hartnäckig. Indem wir sie beobachten und erkennen, können wir daran arbeiten.

Ein möglicher erster Schritt: Diese Woche einmal innehalten, wenn du dich selbst kritisierst. Nicht um den Gedanken zu bekämpfen – sondern um ihn einfach wahrzunehmen.

Mehr dazu: Negative Glaubenssätze loslassen · Emotionales Essen überwinden · 5 Jahre ketogene Ernährung mit Lipödem


Wenn du spürst, dass da mehr ist als Essen — im Soul Circle begleite ich Frauen, die sich selbst besser verstehen wollen. Der Weg dahin fühlt sich nach Ankommen an, nicht nach Disziplin. Komm in den Soul Circle.

Alles Liebe, Karen

Vielleicht fragst du dich manchmal auch, woher diese kritischen Gedanken u00fcber deinen Ku00f6rper u00fcberhaupt kommen. Diesem Thema bin ich nu00e4her nachgegangen: Ku00f6rperbild und Lipu00f6dem u2013 woher kommen unsere Vorurteile?

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Karen Wiltner
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Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Arwed Groen

    Aloha liebe Karen, danke vielmals für deine wunderbare Erinnerung an das Wesentliche. Auch ich stehe viel zu oft zu weit „hinten an“. Durch deinen Impuls werde es nun noch mehr zu meiner persönlichen Aufgabe machen mich endlich mehr selbst achten und zu lieben 🙂 Du bist super!!! Arwed

    1. Karen Wiltner

      Lieber Arwed,
      ich danke Dir! Gerade in Zeiten wie diesen ist es umso wichtiger, dass wir uns auf uns selbst besinnen, und zu unserer eigenen persönlichen Kraft zurückfinden.
      So vieles verändert sich um uns herum, so dass unsere innere Balance das Wichtigste überhaupt ist – egal in welchem Lebensbereich.
      Alles Liebe für Dich, Karen

  2. Nina Högler

    Danke für deine Worte und Tips… Einfach danke, es tut so gut, das zu lesen 🙂

    1. Karen Wiltner

      Liebe Nina,
      vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast!
      Alles Liebe für Dich, Karen